find the English version here “Why does a city need a data strategy?


Die Stadt Helsinki hat eine Vision: sie will die funktionellste Stadt der Welt werden. Um dieses Ziel zu erreichen, möchte sie für ihre Einwohner und Besucher die bestmöglichen Bedingungen für das städtische Leben schaffen. Ein wichtiger Baustein, um dieser Vision gerecht zu werden, ist die Konzeption einer Datenstrategie, die einen Fahrplan für die Verbesserung der Datenqualität und -struktur sowie deren Nutzung für die Stadt beschreibt. DAIN Studios war maßgeblich an der Konzeption der Datenstrategie der Stadt Helsinki beteiligt, die von September 2019 bis Februar 2020 erstellt wurde.

Laut Penguin’s Dictionary ist eine Stadt eine menschliche Siedlung. Genauer gesagt ist eine Stadt ein dauerhafter und dicht besiedelter Ort mit administrativ definierten Grenzen, dessen Mitglieder hauptsächlich an nicht landwirtschaftlichen Aufgaben arbeiten. Die Dichte und die Größe der Stadt erlauben es einem Bürger einer Stadt im Allgemeinen, die allermeisten seiner Bedürfnisse befriedigen zu können, ohne die Stadt zu verlassen. 

Die Einwohnerzahl der Stadt Helsinki betrug im Jahr 1900 79.000. Fünfzig Jahre später waren es bereits 369.000 und heute leben über 650.000 Bürger in Helsinki. Die Verwaltung von Helsinki vor 120 Jahren unterscheidet sich radikal von der heutigen. Nicht nur die Probleme der Stadt waren anders, sondern auch deren Ausmaß. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Helsinki noch keine 100.000 Einwohner zählte, war der Bürgermeister durch sein Netzwerk theoretisch nur zwei Schritte von jedem Bürger entfernt, vorausgesetzt, er kannte 300 von ihnen. Heute müsste der Bürgermeister über ein Netzwerk von 800 Personen verfügen, um in ähnlicher Weise vernetzt zu sein. Aber auch dann wäre es unmöglich, mit dem Tempo der Informationen, die an den Bürgermeister adressiert sind, Schritt zu halten, wenn man bedenkt, wie schnell sich die Stadt heute entwickelt.

Mit dem Wachstum der Städte hat das Verständnis der Anforderungen und ihrer Komplexität für eine effektive Stadtplanung und -verwaltung größte Bedeutung gewonnen. Noch vor ein oder zwei Jahrzehnten konnte die Stadt mit großer Zuversicht abschätzen, wie viele Schulplätze oder Krankenhausbetten in diesem und im nächsten Jahr benötigt werden und wie viele Autos auf einer bestimmten Straße fahren werden. Heute hängt die erforderliche Kapazität für Schulen stark von vielen zusätzlichen Parametern ab, wie z.B. welche Art von Wohnraum steht wann und wo zur Verfügung? Welche Sprachen sprechen die Familien? Und wie hoch ist die zu erwartende Zuwanderung in und aus einem Gebiet? Wenn man komplexere Themen wie soziale Eingliederung und Kohlendioxidemissionen betrachtet, wachsen die Dimensionen noch weiter an.

Diese einfachen Fragestellungen veranschaulichen die Situation in modernen im Gegensatz zu alten Städten. In der heutigen Stadt reicht eine einfache Umfrage zur Datenerhebung nicht aus, da das Ausmaß der Ereignisse jenseits dessen liegt, was Menschen verarbeiten können. Zusätzlich zur manuellen Eingabe von Daten in Systeme gehen Städte zu einer sensorgestützten Datenerfassung über, bei der IOT-Sensoren zum Einsatz kommen, die dauerhaft und objektiv Daten erfassen. Durch die Kombination von Sensor- und Systemdaten ist die Stadt in der Lage, relevante Phänomene zu analysieren und zu verstehen. 

Eine ähnliche Analyse der Grundursachen, des Umfangs der Fragestellungen und des Datenvolumens veranlasste die Stadt Helsinki, ein Datenstrategie Projekt zu initiieren, mit dem Ziel, ihre Daten und Analysefähigkeiten auf das in einer modernen Stadt erforderliche Niveau zu heben. Bevor wir uns näher mit der Datenstrategie befassen, wollen wir die breitere Verwendung von Daten, die eine Stadt freigeben kann sowie einige der Bedenken im Zusammenhang mit der Datennutzung erörtern.


Was macht eine Stadt zur Smart City?

Eine Smart City ist eine Stadt die verschiedene Arten von IOT-Sensoren verwendet. Damit werden Daten gesammelt, aus denen wiederum Erkenntnisse gewonnen werden, die dazu dienen, Vermögenswerte, Ressourcen und Dienstleistungen effizient zu verwalten. Dazu gehören von Bürgern, digitalen Geräten und städtischen Anlagen gesammelte Daten, die verarbeitet und analysiert werden, um die verschiedenen von der Stadt angebotenen Dienste zu überwachen und zu verwalten. (Quelle: Wikipedia)

Das Smart City-Konzept wurde ursprünglich Anfang 2010 von IBM und Cisco entwickelt. Die Motivation für die Entwicklung des Konzepts mag durch die Notwendigkeit beeinflusst worden sein, Produkte zu vermarkten, aber das Konzept selbst ist gültig und wurde von Kommunalverwaltungen auf der ganzen Welt gut angenommen. Heute, mehr als ein Jahrzehnt nach der Einführung, ist die Smart City-Technologie einer der Wachstumsbereiche für Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT). 

Das Smart City-Konzept wurde kritisiert, weil es technologiezentriert ist. Aufgrund des Ursprungs des Konzepts wird es als eine Lösung von Problemen der Stadtverwaltungen angesehen. Neue Technologien werden an die Kommunalverwaltung herangetragen und im besten Fall zur Behebung von Missständen eingesetzt und dringen im schlimmsten Fall in die Privatsphäre der Bürger ein. Das Ansinnen des Konzepts der intelligenten Stadt, das heisst der Einsatz von Sensoren und Daten zur Analyse des Wohlergehens einer Stadt und seiner Bürger, ist jedoch nach wie vor gültig und wirkungsvoll. Was die Städte sicherstellen müssen, ist der Aufbau von Vertrauen und Zuversicht. Dies kann durch eine transparente Umsetzung der “Smart City”-Konzepte und die Verwendung eines Kooperationsmodells für die Zusammenarbeit mit den Bürgern gelingen.


Auf dem Weg zur funktionellsten Stadt der Welt

Helsinki’s Vision ist es, die funktionellste Stadt der Welt zu werden. Bei der Verfolgung dieser Vision ist sie bestrebt, für ihre Einwohner und Besucher die bestmöglichen Bedingungen für das städtische Leben zu schaffen. Die strategische Absicht der Stadt ist, die Dinge jedes Mal ein wenig besser zu machen, um das Leben der Einwohner Helsinkis einfacher und angenehmer zu gestalten. Helsinki will seine Dienstleistungen täglich verbessern, und um sich zu verbessern, muss die Stadt ihre Leistungen überwachen und die Bedürfnisse und Präferenzen der Bürger verstehen. 

Städte nutzen in der Regel ihre primären Dienstleistungen als Basis für ihre Organisationsstruktur. In Helsinki sind die wichtigsten Bereiche: soziale Dienste und Gesundheitswesen, Bildung, Freizeit und Stadtentwicklung. Diese Sektoren sind relativ unabhängig mit ihren eigenen Budgets, Zuständigkeiten und IT-Abteilungen. Die Berichterstattungsstruktur ist vom Sektor bis zur Zentralstelle unkompliziert. Diese Struktur garantiert, dass die Budgetierung und die Dienstleistungen überwacht werden, gibt den Sektoren aber genügend Freiraum um ihre Dienstleistungen auszuführen.

Diese Struktur bringt allerdings mit sich, dass die produzierten und gesammelten Daten selten ihre Sektoren verlassen. Das Gesundheitswesen ist beispielsweise nicht in der Lage, Daten zur Stadtentwicklung einzusehen, das Bildungswesen hat keinen Zugang zu Gesundheitsdaten und so weiter. Wenn der Zugang zu Daten auf Sektoren begrenzt ist, stellt das kein Problem beim Betrieb oder der Verbesserung von Prozessen innerhalb eines Sektors dar, aber es wird zu einem Problem wenn die Stadt ganzheitlich verwaltet wird. Das Fehlen von Schlüsseldaten eines Sektors in einer Analyse ist vergleichbar mit einer Navigation im Dunkeln ohne Radar.

Gewöhnlich entsteht aus der Analyse dieser Fragestellungen die Notwendigkeit, verschiedene Parameter über Sektoren hinweg zu kombinieren, um ein vollständiges Bild zu erhalten. Um die Stadt funktionaler zu machen und die Phänomene in ihrem Kern zu verstehen, müssen die Daten, die von den operativen Sektoren erhoben werden, modernen Analysemethoden zugänglich sein. Um Entscheidungen zu priorisieren zu können, benötigt die Stadtverwaltung Zugang zu datengestützten Analysen.

Abgesehen von der Verbesserung interner Abläufe, sollten auch die von der Stadt erhobenen Daten ihrem eigenen Netzwerk zur Verfügung stehen und gemeinsam genutzt werden können. Das betrifft zum Beispiel Bezirke, Universitäten und Unternehmen. Mit den Daten können externe Akteure Forschung betreiben und Dienstleistungen entwickeln, die das Angebot der Stadtverwaltung ergänzen.


Und wie steht es um den Datenschutz?

Das Ziel der Stadt als Dienstleister liegt darin, das Leben für ihre Einwohner zu vereinfachen und zu verbessern indem sie ihre Prozesse funktionaler gestaltet. Viele gut informierte Bürger werden misstrauisch und stellen die Absichten ihrer Stadt in Frage, wenn es darum geht, dass ihre Daten genutzt werden sollen. Um die Daten ihrer Bürger nutzen zu können, muss die Stadt ihr Vertrauen gewinnen und sicherstellen, dass die Daten nur im Rahmen strikter ethischer Leitlinien genutzt werden und zwar ausschließlich, um die Stadt funktionaler zu machen – dies erfordert in hohem Maße verantwortliches Handeln (Data Governance).

Die Mindeststandards für den Datenschutz sind in EU-Richtlinien wie dem GDPR definiert. Auf die Einzelheiten dieser Diskussion gehen wir hier nicht näher ein. Für die Stadt ist es aber wesentlich, dass die Daten mit transparenten, fairen und sicheren Verfahren verwaltet werden. Diese Verfahren müssen sicherstellen, dass alle Aspekte der Datennutzung berücksichtigt werden, bevor Genehmigungen erteilt werden.

Die EU-Richtlinien befassen sich zwar mit Fragen, die sich auf individuelle, private Daten beziehen, doch für die meisten weltweit generierten Daten und ihre Verwendung gibt es weder einen technischen noch einen ethischen Standard. MyData ist ein Begriff für verschiedene Projekte und Initiativen, die darauf abzielen, diese Herausforderung zu meistern, indem sie den Menschen in den Mittelpunkt seiner Daten stellen. Städte spielen potenziell eine wichtige Rolle bei der Unterstützung der MyData-Ideologie, wenn sie deren Prinzipien unterstützen:

  1. Einzelpersonen haben Zugang und Kontrolle über ihre Daten und wissen ihre Privatsphäre geschützt.
  2. Daten sind technisch leicht zugänglich und in standardisierten Formaten nutzbar.
  3. Begünstigendes wirtschaftspolitisches Umfeld mit gemeinsamer Infrastruktur und dezentraler Verwaltung.

Die Datenstrategie für die Stadt Helsinki

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu Helsinkis Ziel, die funktionellste Stadt der Welt zu werden, ist die Erstellung einer Datenstrategie, die die oben genannten Probleme angeht und einen Fahrplan zur Verbesserung der Datennutzung der Stadt und ihrer Möglichkeiten festlegt. 

Helsinkis Datenstrategie wurde im Winter 2019/20 erarbeitet. Im Rahmen dieses Prozesses wurden Vision und Ziel in einer mutigen Erklärung formuliert:

Die von der Stadt Helsinki produzierten Daten werden im Jahr 2025
weltweit am besten nutzbar sein und am meisten genutzt werden.

Nach einer gründlichen Analyse der Aufgaben der beteiligten Sektoren sowie der Möglichkeiten ihrer Verwaltung, wurde die Strategie in diesen neun Prinzipien zusammengefasst:

  1. Die Stadt hat Zugang zu allen Daten, die sie produziert.
  2. Kerndaten der Stadt, wie z.B. Kundendaten, werden nur einmal gespeichert.
  3. Alle Daten sind über eine API zugänglich und maschinenlesbar.
  4. Alle Daten können intern abteilungs- und sektorenübergreifend genutzt werden, sofern dies nicht gesetzlich verboten ist.
  5. Die Stadt verwendet Daten Dritter und teilt ihre eigenen Daten mit ihren eigenen Versorgungsunternehmen sowie angeschlossenen Unternehmen und externen Stellen.
  6. Das Datenanwendungsmanagement beschleunigt und gewährleistet die legale, ethische und gemeinsame Nutzung von Daten.
  7. Daten- und Analyseplattformen, die in der ganzen Stadt nutzbar sind, unterstützen und beschleunigen die unabhängige Leistungserbringung der städtischen Abteilungen.
  8. Daten- und Analysefähigkeiten werden unter Berücksichtigung der Bedürfnisse der Stadtverwaltung und spezifischer Anwendungsfälle entwickelt.
  9. Die Bürger können in Übereinstimmung mit den MyData-Prinzipien die Kontrolle über die Nutzung ihrer Daten ausüben.

Die Prinzipien wurden von der Stadtverwaltung akzeptiert, und die Stadt verfolgt nun ihren Plan, um die Strategie anhand der Grundsätze des Leitbildes umzusetzen. 

Ziel ist es, dass die Daten den städtischen Entscheidungsträgern mehr Instrumente an die Hand geben, um ihnen bei der Prioritätensetzung zu helfen, dass die Bürger bessere Dienstleistungen auf der Grundlage der Daten erhalten und dass das Ökosystem der Stadt in der Lage sein soll, mit den gemeinsam genutzten Daten zu forschen und sie innovativ nutzen zu können. All dies ist notwendig, um Helsinki zur funktionellsten Stadt der Welt zu machen. 


Für diejenigen, die Finnisch lesen können, hier geht’s zur offiziellen Helsinki City Data Strategy.